Italien Philatelie - Beleg des Monats

Beleg des Monats 07/2017

Bollo insufficente - cancellato

Man sollte die Rubrik umbenennen in "Rätsel des Monats". Denn dieser Beleg gibt Rätsel auf.

Zuerst: Was haben wir? Eine Briefhülle für einen unfrankierten Brief aus Mailand nach Brescia aus dem Januar 1860. Sicherlich befinden wir uns in unruhigen Zeiten, aber zwischen Mailand und Brescia hat es nie eine Landesgrenze gegeben, die aus diesem Brief einen Auslandsbrief hätte machen können. Konkret waren diese beiden lombardischen Städte vor 1859 österreichisch, und nach einer kurzen französischen Übergangszeit ab März 1860 sardisch, d.h. italienisch.

Eventuell hat der Absender-Eindruck für Verwirrung gesorgt - den Verona lag ja jetzt im Ausland. Aber sowohl Aufgabestempel als auch der handschriftliche Absendervermerk sind eindeutig: der Brief ist in Mailand geschrieben und aufgegeben worden.

Im Online-Katalog des Staatsarchivs Basel-Stadt finded sich eine kleine Information zum Absender ...

Vermutlich hat die Filiale in Verona, nachdem der Firmename 1854 geändert wurde, die alten Briefbögen an die Zentrale nach Mailand gesand. Und dort sind sie nicht vernichtet worden, sondern der Firmenpatriarch benutzte sie für seine Privatpost.

Also, wie gesagt, wir haben hier einen unfrankierten Brief aus Mailand nach Brescia. Und obwohl im Königreich Lombardei-Venetien die Briefmarken im Jahr 1850 eingeführt worden waren, war es nicht unüblich, Brief unfrankiert aufzugeben und dem Empfänger die Kosten für den Brief (und eventuelle Strafzuschläge) aufzubürden. Für bestimmte Dienste war die Frankierung vorgeschrieben, hierzu gehören z.B. Einschreibbriefe oder bestimmte Auslandsbriefe. Für manche Länder konnten (bzw. mussten) Auslandsbriefe bis zum Empfänger voll bezahlt werden (P.D.-Briefe), für andere war nur eine Teilfrankierung bis zur Grenze möglich.

Aber im vorliegenden Fall brauchen wir uns mit Teilfrankierungen nicht auseinanderzusetzen. Für einen Brief aus Mailand nach Brescia gab es nur zwei Möglichkeiten: voll vorausbezahlt (in der Markenzeit i.d.R. durch eine Briefmarke dokumentiert) oder "unbezahlt" - unterfrankierte oder mit ungültigen Marken frankierte Briefe wurden wie unbezahlte Brief behandelt: sie bekammen den Stempel "Bollo Insufficiente" und wurden entsprechend des Gewichtes taxiert.

Insofern wundert es, dass auf diesem Brief der Stempel "Bollo insufficiente" wieder "gestrichen" wurde - denn die Taxierung wurde nicht gestrichen - wir haben also nicht den Fall vorliegen, dass der Brief nicht taxiert wurde, weil Absender oder Empfänger Portofreiheit genoss.

Für Interpretationsideen - oder auch Fehlerkorrekturen - reicht eine kurze email an mich.

Stephan Jürgens, AIJP, sfj@italien-philatelie.de